Zur Startseite

 

Der Fußballer
Der Modellbahner
Der Boulespieler
Der Urlauber
Der Familiäre

Stichwortsuche
Kommunikation

 
 

Wie alles anfing...

  Ein Blick ins Kinderzimmer am 24.2.59.
Märklin fest verschraubt auf einer Tischlerplatte, in der Mitte mein Vater,
links mein Bruder Berthold.
Einiges habe ich aus meiner Kinderzeit aufbewahrt, wie die MS 800

 

Was dann so passierte

Hier der Drucktext in html lesbar:

Billig-Betrüger an Super-Lok gescheitert

Zwei Göttinger
beenden Schwindel
im Internet
Oh Tannenbaum, du bist so grün wie die Hoffnung, pfiff Harry S. am ersten Advent. Der Salzgitteraner hatte sich ein paar Tage zuvor zum Kaufmann ernannt und, ganz geschäftstüchtig, seine Artikel im Dumpingpreis-Segment offeriert - auf den Seiten des Internet-Auktionshauses "ebay". Digital-Kamera, DVD-Player, Monitor oder Video-Spiel kosteten in seinem "powerstore" die Hälfte des handelsüblichen Betrags. Bei Kunden und Harry herrschte eitel Vorfreude. Der Unternehmer erhielt die erwünschten Bestellungen und erwarteten Überweisungen. Doch die avisierten, von der Post zu liefernden Päckchen blieben aus. Die Käufer wurden unruhig. Und zwei Göttinger aktiv. Denn nach etwa zwei Wochen entdeckten Lothar Karsubke und Rainer Freudenberg nicht nur von ihnen geliebte Modelleisenbahnen in dem virtuellen Katalog, sondern eine Super-Lokomotive, die der Hersteller Märklin seinen Fans zwar für 2002 in Aussicht gestellt, aber 2001 noch nicht einmal in Produktion genommen hatte. Lok-Insider Karsubke informierte die Göttinger Kripo, die ihre Kollegen in Salzgitter auf die Spur Richtung Briefkasten-Firma setzte. Mit raschem Erfolg. Von der Polizei und den eigenen Missetaten überwältigt, gab Harry schließlich auf.
Die Staatsanwaltschaft Braunschweig lobt den Spürsinn der Göttinger Internet-Detektive. Der Schaden (140000 Mark) hätte ohne ihr zügiges Handeln deutlich höher ausfallen können. Arbeits-, jetzt noch mittel-, aber nicht mehr trostlos hieß die Devise neben dem Kerzen-Licht an Harry(S.) erstem Advent. Denn Hoffnung schimmerte im Internet. Monney makes the world wide web go arround betitelte er wohl die praktizierte Sehnsucht nach einem schnellen Geschäft ohne viel Aufwand. Beim Zusammenstellen der Artikel-Liste für den virtuellen Versandhauskatalog seines "powerstore" setzte Harry S. nicht nur auf den Trend pro Mobilfunk, Rechner-Technik und Unterhaltungselektronik, sondern mit etwas mehr Phantasie auf alte, ewig junge Kindheitsträume: Eine preisgünstige Klasse-Eisenbahn unter der weihnachtlichen Zimmer-Tanne - das wär doch was! Harry schwelgte in bester Geber-Laune; die fiktiven Produkte kosteten ihn schließlich nichts und auch die Logistik für den Versand der vielen Pakete bereitete ihm keine Kopfschmerzen, denn er dachte nicht im Traum daran, zu (ver)packen. Außer den Koffer natürlich, um im neuen Jahr aus der sozialen Kälte in den Süden zu entkommen. Allerdings: Aus der letzten müden Mark wurde doch kein aufgeweckter Euro. Am 17. Dezember beendeten Rainer Freudenberg (Redakteur für Online-Management) und Lothar Karsubke (Inhaber des Maler-Betriebs Seufer & Tector) das Geschäft schneller als vom Täter erwartet. Karsubke erstattete Anzeige bei der Kripo Göttingen. Bis zum Geständnis vergingen gerade einmal 24 Stunden.
Der Schwindel glitt aus den Gleisen, weil die Göttinger Modell-Eisenbahner eine Woche zuvor nicht nur über Niedrig-Preise wie in guten alten Zeiten staunten, sondern Harry mit "Sofort-Kauf" lockte - "üblicherweise", so Freudenberg, "werden die Angebote in einer mehrtägigen Auktion versteigert; wer am meisten zahlt, erhält den Zuschlag."
Freudenberg diskutierte das Phänomen am 11. Dezember im Internet-Café des Auktionshauses ebay. Zeitgleich stellte Lothar Karsubke die "powerstore"-Praxis im ebay-Forum für Sicherheit in Frage. Freudenberg: "Im Café ist es Usus, das schwarze Schafe gebrandmarkt werden." Zunächst durch Talk im Internet. Dann im Bewertungs-System, dem sich Käufer und Verkäufer unterziehen: Die Kundschaft benotet geleistete Dienste ("liefert prompt, einwandfreie Ware, gute Verpackung") und der Anbieter lobt oder tadelt zum Beispiel die Zahlungsmoral.
Karsubke kann außer einer Handvoll Nörgler immerhin 784 positive Bewertungen vorweisen. Harry S., jedenfalls für seine jüngste Katalog-Initiative im Dezember, nur eine. Der 51-jährige Märklin-Kenner suchte am Donnerstag, 13. Dezember, Kontakt mit dem Mann in Salzgitter, zeigte drängendes Interesse für eine günstig-schnittige Lok und erhielt e-mail-wendend "eine Minute später" die Kauf-Bestätigung.
Doch wie Harry nicht an die Ware, dachte Lothar nicht an Geld-Transfer. Mit misstrauischem Recht: Denn am selben Tag tauchte wie Phönix aus der Asche im Katalog die "Franco Crosti" auf, ein Schmuckstück von Dampf-Lok, "die von Märklin in limitierter Auflage hergestellt wird, aber noch gar nicht produziert wurde", wie Karsubke als Insider sehr wohl wusste. Am Morgen danach (Samstag, 15. Dezember, 8.56 Uhr) schickt Lothar Karsubke eine Warn-Meldung an das ebay-Sicherheitsteam.
Am Mittag des Freitags (14. Dezember) nahm Rainer Freudenberg an einer frühen Runde im Internet-Café teil. Hauptthema war Harrys Bewertungsbogen, der immer übler wurde. Zitat eines Kunden: "Aufgrund sich häufender Beschwerden, trete ich sofort von der Auktion (gemeint ist der Sofort-Kauf/ Anm. d. Red.) zurück." Harrys Antwort: "Schade, aber kein Problem." Eine jetzt häufig von ihm genutzte Redewendung. Ein in Salzgitter wohnender Auktionator entschied, seinen Kaffee stehen zu lassen und machte sich auf den Weg zum fragwürdigen Geschäft - und fand lediglich einen Briefkasten mit dem Nachnamen des dubiosen Unternehmers. Keine Klingel. Nichts.
Und dann ging alles sehr schnell: Ebay machte am Sonntag, 16. Dezember, um 16 Uhr Harrys Laden dicht. Und Karsubke stellte am Montag, 17. Dezember, endgültig die Weichen auf Endstation: Er erstattete Anzeige bei der Göttinger Kripo mit der gleichzeitigen Bitte, sie rasch an die Kollegen in Salzgitter weiter zu leiten. Gesagt - getan. Am nächsten Morgen hatten sie Harry aufgespürt. Der, so Rainer Freudenberg nach einem Telefonat mit der Staatsanwaltschaft in Braunschweig, blieb locker und versicherte, alle bestellten Artikel auch liefern zu wollen. Etwa auch die "Franco Crosti"? fragten die Beamten mit hintergründigem Humor. Wieso nicht, konterte Harry. Kein Problem, das er aber nicht mehr lösen konnte. Die Kripo kannte seine Lage. Und er wusste, dass sie wussten, dass er… und Tschüss.
Nach dem Geständnis beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Braunschweig das scheinbar lukrative Konto, von dem Harald S. bereits 10 000 Mark abgehoben hatte. Zahlreiche Opfer warten jetzt auf 130000 Mark Rückerstattung. Oberstaatsanwalt Eckehardt Nistroj hat bis zum Ladenschluss des "powerstore" rund 900 Überweisungen registriert: "Die meisten Geschädigten erhalten ihr Geld zurück, die Überweisungsträger sind dafür ein Beleg. Sicher hätte der Schwindel nicht mehr lange gut gehen können, aber auch nur drei weitere Tage hätten sich drastisch auswirken können." Über Zahlen will er nicht spekulieren.
Rainer Freudenberg und Lothar Karsubke sind sicher, dass bei den angebotenen hochwertigen Computer-Artikeln auch im Niedrigpreis-Segment schnell eine Schadensumme von 500000 Euro hätte entstehen können.
Zumal verärgerte Kunden möglicherweise lediglich auf die Idee gekommen wären, der Händler im "powerstore" hätte sich in den verdienten Weihnachtsurlaub verabschiedet - und würde die Päckchen eben im neuen Jahr verschicken. Solche Verzögerungen, sagt Joachim M. Günthert, Pressesprecher des Auktionshauses ebay, kämen auch bei seriösen Anbietern vor, wie im normalen Geschäftsverkehr. Nur finde dann auch Kommunikation zwischen Käufer und Verkäufer statt. Im Falle "powerstore" habe weitestgehend Anonymität geherrscht. "Blindes Vertrauen", so Günthert, "schadet im Internet ebenso wie im richtigen Handels-Leben in einer Innenstadt." Die Adresse des Salzgitteraners sei unbeanstandet überpüft worden. Und Harald S. habe mit seiner "powerstore"-Aktion positive Bewertungen nachweisen können.
46 in drei Tagen? Die Antwort fällt schwer. Vielleicht war er ja ehrlich, bevor er sich entschloss, das virtuelle Netz auszulegen, in dem er hängen blieb? Günthert empfiehlt den Käufern übrigens ein von ebay und einer Partner-Bank geführtes Treuhand-Konto in Anspruch zu nehmen - so könne der Kunde sein Geld dann frei geben, wenn er von den guten Absichten des Händlers überzeugt sei. Für die unkomplizierte Zusammenarbeit zwischen ebay und der Kripo Salzgitter hat Joachim Günthert eine einfache Begründung: "Wir haben eine Abteilung, die wir Marktplatz-Polizei nennen; die Mitarbeiter sind ausschließlich für die Kooperation mit Polizei-Behörden zuständig, bis hin zum BKA."
Detektivarbeit leisten Rainer Freudenberg und Lothar Karsubke nicht einmal als Hobby, dennoch haben sie fast professionell gehandelt, wie Oberstaatsanwalt Eckehardt Nistroj lobend durchblickend lässt: "Den Göttingern ist es schnell gelungen, die Sache zu durchschauen, auch ohne die Lokomotive; sie haben die Kripo eingeschaltet und damit einen erheblichen Beitrag dazu geleistet, größeren Schaden abzuwenden." ski

 

 

 

 

Letzte Änderung 11.01.2008 webmaster