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Billig-Betrüger an Super-Lok gescheitert
Zwei Göttinger
beenden Schwindel
im Internet
Oh Tannenbaum, du bist so grün wie die Hoffnung, pfiff Harry
S. am ersten Advent. Der Salzgitteraner hatte sich ein paar Tage
zuvor zum Kaufmann ernannt und, ganz geschäftstüchtig,
seine Artikel im Dumpingpreis-Segment offeriert - auf den Seiten
des Internet-Auktionshauses "ebay". Digital-Kamera, DVD-Player,
Monitor oder Video-Spiel kosteten in seinem "powerstore"
die Hälfte des handelsüblichen Betrags. Bei Kunden und
Harry herrschte eitel Vorfreude. Der Unternehmer erhielt die erwünschten
Bestellungen und erwarteten Überweisungen. Doch die avisierten,
von der Post zu liefernden Päckchen blieben aus. Die Käufer
wurden unruhig. Und zwei Göttinger aktiv. Denn nach etwa zwei
Wochen entdeckten Lothar Karsubke und Rainer Freudenberg nicht nur
von ihnen geliebte Modelleisenbahnen in dem virtuellen Katalog,
sondern eine Super-Lokomotive, die der Hersteller Märklin seinen
Fans zwar für 2002 in Aussicht gestellt, aber 2001 noch nicht
einmal in Produktion genommen hatte. Lok-Insider Karsubke informierte
die Göttinger Kripo, die ihre Kollegen in Salzgitter auf die
Spur Richtung Briefkasten-Firma setzte. Mit raschem Erfolg. Von
der Polizei und den eigenen Missetaten überwältigt, gab
Harry schließlich auf.
Die Staatsanwaltschaft Braunschweig lobt den Spürsinn der Göttinger
Internet-Detektive. Der Schaden (140000 Mark) hätte ohne ihr
zügiges Handeln deutlich höher ausfallen können.
Arbeits-, jetzt noch mittel-, aber nicht mehr trostlos hieß
die Devise neben dem Kerzen-Licht an Harry(S.) erstem Advent. Denn
Hoffnung schimmerte im Internet. Monney makes the world wide web
go arround betitelte er wohl die praktizierte Sehnsucht nach einem
schnellen Geschäft ohne viel Aufwand. Beim Zusammenstellen
der Artikel-Liste für den virtuellen Versandhauskatalog seines
"powerstore" setzte Harry S. nicht nur auf den Trend pro
Mobilfunk, Rechner-Technik und Unterhaltungselektronik, sondern
mit etwas mehr Phantasie auf alte, ewig junge Kindheitsträume:
Eine preisgünstige Klasse-Eisenbahn unter der weihnachtlichen
Zimmer-Tanne - das wär doch was! Harry schwelgte in bester
Geber-Laune; die fiktiven Produkte kosteten ihn schließlich
nichts und auch die Logistik für den Versand der vielen Pakete
bereitete ihm keine Kopfschmerzen, denn er dachte nicht im Traum
daran, zu (ver)packen. Außer den Koffer natürlich, um
im neuen Jahr aus der sozialen Kälte in den Süden zu entkommen.
Allerdings: Aus der letzten müden Mark wurde doch kein aufgeweckter
Euro. Am 17. Dezember beendeten Rainer Freudenberg (Redakteur für
Online-Management) und Lothar Karsubke (Inhaber des Maler-Betriebs
Seufer & Tector) das Geschäft schneller als vom Täter
erwartet. Karsubke erstattete Anzeige bei der Kripo Göttingen.
Bis zum Geständnis vergingen gerade einmal 24 Stunden.
Der Schwindel glitt aus den Gleisen, weil die Göttinger Modell-Eisenbahner
eine Woche zuvor nicht nur über Niedrig-Preise wie in guten
alten Zeiten staunten, sondern Harry mit "Sofort-Kauf"
lockte - "üblicherweise", so Freudenberg, "werden
die Angebote in einer mehrtägigen Auktion versteigert; wer
am meisten zahlt, erhält den Zuschlag."
Freudenberg diskutierte das Phänomen am 11. Dezember im Internet-Café
des Auktionshauses ebay. Zeitgleich stellte Lothar Karsubke die
"powerstore"-Praxis im ebay-Forum für Sicherheit
in Frage. Freudenberg: "Im Café ist es Usus, das schwarze
Schafe gebrandmarkt werden." Zunächst durch Talk im Internet.
Dann im Bewertungs-System, dem sich Käufer und Verkäufer
unterziehen: Die Kundschaft benotet geleistete Dienste ("liefert
prompt, einwandfreie Ware, gute Verpackung") und der Anbieter
lobt oder tadelt zum Beispiel die Zahlungsmoral.
Karsubke kann außer einer Handvoll Nörgler immerhin 784
positive Bewertungen vorweisen. Harry S., jedenfalls für seine
jüngste Katalog-Initiative im Dezember, nur eine. Der 51-jährige
Märklin-Kenner suchte am Donnerstag, 13. Dezember, Kontakt
mit dem Mann in Salzgitter, zeigte drängendes Interesse für
eine günstig-schnittige Lok und erhielt e-mail-wendend "eine
Minute später" die Kauf-Bestätigung.
Doch wie Harry nicht an die Ware, dachte Lothar nicht an Geld-Transfer.
Mit misstrauischem Recht: Denn am selben Tag tauchte wie Phönix
aus der Asche im Katalog die "Franco Crosti" auf, ein
Schmuckstück von Dampf-Lok, "die von Märklin in limitierter
Auflage hergestellt wird, aber noch gar nicht produziert wurde",
wie Karsubke als Insider sehr wohl wusste. Am Morgen danach (Samstag,
15. Dezember, 8.56 Uhr) schickt Lothar Karsubke eine Warn-Meldung
an das ebay-Sicherheitsteam.
Am Mittag des Freitags (14. Dezember) nahm Rainer Freudenberg an
einer frühen Runde im Internet-Café teil. Hauptthema
war Harrys Bewertungsbogen, der immer übler wurde. Zitat eines
Kunden: "Aufgrund sich häufender Beschwerden, trete ich
sofort von der Auktion (gemeint ist der Sofort-Kauf/ Anm. d. Red.)
zurück." Harrys Antwort: "Schade, aber kein Problem."
Eine jetzt häufig von ihm genutzte Redewendung. Ein in Salzgitter
wohnender Auktionator entschied, seinen Kaffee stehen zu lassen
und machte sich auf den Weg zum fragwürdigen Geschäft
- und fand lediglich einen Briefkasten mit dem Nachnamen des dubiosen
Unternehmers. Keine Klingel. Nichts.
Und dann ging alles sehr schnell: Ebay machte am Sonntag, 16. Dezember,
um 16 Uhr Harrys Laden dicht. Und Karsubke stellte am Montag, 17.
Dezember, endgültig die Weichen auf Endstation: Er erstattete
Anzeige bei der Göttinger Kripo mit der gleichzeitigen Bitte,
sie rasch an die Kollegen in Salzgitter weiter zu leiten. Gesagt
- getan. Am nächsten Morgen hatten sie Harry aufgespürt.
Der, so Rainer Freudenberg nach einem Telefonat mit der Staatsanwaltschaft
in Braunschweig, blieb locker und versicherte, alle bestellten Artikel
auch liefern zu wollen. Etwa auch die "Franco Crosti"?
fragten die Beamten mit hintergründigem Humor. Wieso nicht,
konterte Harry. Kein Problem, das er aber nicht mehr lösen
konnte. Die Kripo kannte seine Lage. Und er wusste, dass sie wussten,
dass er
und Tschüss.
Nach dem Geständnis beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Braunschweig
das scheinbar lukrative Konto, von dem Harald S. bereits 10 000
Mark abgehoben hatte. Zahlreiche Opfer warten jetzt auf 130000 Mark
Rückerstattung. Oberstaatsanwalt Eckehardt Nistroj hat bis
zum Ladenschluss des "powerstore" rund 900 Überweisungen
registriert: "Die meisten Geschädigten erhalten ihr Geld
zurück, die Überweisungsträger sind dafür ein
Beleg. Sicher hätte der Schwindel nicht mehr lange gut gehen
können, aber auch nur drei weitere Tage hätten sich drastisch
auswirken können." Über Zahlen will er nicht spekulieren.
Rainer Freudenberg und Lothar Karsubke sind sicher, dass bei den
angebotenen hochwertigen Computer-Artikeln auch im Niedrigpreis-Segment
schnell eine Schadensumme von 500000 Euro hätte entstehen können.
Zumal verärgerte Kunden möglicherweise lediglich auf die
Idee gekommen wären, der Händler im "powerstore"
hätte sich in den verdienten Weihnachtsurlaub verabschiedet
- und würde die Päckchen eben im neuen Jahr verschicken.
Solche Verzögerungen, sagt Joachim M. Günthert, Pressesprecher
des Auktionshauses ebay, kämen auch bei seriösen Anbietern
vor, wie im normalen Geschäftsverkehr. Nur finde dann auch
Kommunikation zwischen Käufer und Verkäufer statt. Im
Falle "powerstore" habe weitestgehend Anonymität
geherrscht. "Blindes Vertrauen", so Günthert, "schadet
im Internet ebenso wie im richtigen Handels-Leben in einer Innenstadt."
Die Adresse des Salzgitteraners sei unbeanstandet überpüft
worden. Und Harald S. habe mit seiner "powerstore"-Aktion
positive Bewertungen nachweisen können.
46 in drei Tagen? Die Antwort fällt schwer. Vielleicht war
er ja ehrlich, bevor er sich entschloss, das virtuelle Netz auszulegen,
in dem er hängen blieb? Günthert empfiehlt den Käufern
übrigens ein von ebay und einer Partner-Bank geführtes
Treuhand-Konto in Anspruch zu nehmen - so könne der Kunde sein
Geld dann frei geben, wenn er von den guten Absichten des Händlers
überzeugt sei. Für die unkomplizierte Zusammenarbeit zwischen
ebay und der Kripo Salzgitter hat Joachim Günthert eine einfache
Begründung: "Wir haben eine Abteilung, die wir Marktplatz-Polizei
nennen; die Mitarbeiter sind ausschließlich für die Kooperation
mit Polizei-Behörden zuständig, bis hin zum BKA."
Detektivarbeit leisten Rainer Freudenberg und Lothar Karsubke nicht
einmal als Hobby, dennoch haben sie fast professionell gehandelt,
wie Oberstaatsanwalt Eckehardt Nistroj lobend durchblickend lässt:
"Den Göttingern ist es schnell gelungen, die Sache zu
durchschauen, auch ohne die Lokomotive; sie haben die Kripo eingeschaltet
und damit einen erheblichen Beitrag dazu geleistet, größeren
Schaden abzuwenden." ski
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